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Soziale Dilemmata

Ein soziales Dilemma ist eine Situation, an der mindestens zwei Personen oder Parteien beteiligt sind. Diese zwei oder mehr Akteure haben dabei sowohl übereinstimmende als auch divergierende Interessen, das macht das Dilemma aus. Situationen dieser Art sind sehr häufig und in vielen Fällen gelingt es nicht, sie in zufriedenstellender Weise zu lösen.

Die Forschung unterscheidet viele verschiedene Arten von sozialen Dilemmata und verfügt über eine ganze Reihe von Zugangswegen, um das Verhalten der Akteure im Dilemma zu erklären und vorherzusagen. Hier wird zunächst nur ein einfaches und sehr bekanntes soziales Dilemma, das Prisoner's Dilemma, vorgestellt und später anhand eines Beispiels erläutert. Dabei werden verschiedene Zugangswege bemüht, um das Verhalten der Akteure zu erklären und verständlich zu machen.

Prisoner's Dilemma

Die einfachste Form eines sozialen Dilemmas ist das Prisoner's Dilemma . Zwei Akteure haben jeweils zwei Handlungsmöglichkeiten, zwischen denen sie sich entscheiden müssen. Die Akteure können dabei Personen, Institutionen oder auch Staaten sein, das hat keinen Einfluss auf die Struktur des Dilemmas. Die Handlungsmöglichkeiten werden üblicherweise mit C (cooperate) und D (defect) bezeichnet. Jeder Akteur hat also die Möglichkeit, mit dem anderen Akteur zu kooperieren oder aber sich individualistisch, ausschließlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht zu verhalten.

Ein allgemeines Prisoner's Dilemma

Die jeweiligen Ergebnisse der Kombinationen der beiden Entscheidungen stehen dann in den Zellen der Tabelle. Man kann sich die Zahlen als Geldeinheiten vorstellen, also je größer der Wert, den man für sich selber erzielt, um so besser das eigene Ergebnis. Das Ergebnis der ersten Person steht dabei immer vor dem Schrägstrich, das Ergebnis der zweiten Person hinter dem Schrägstrich (Ergebnis erste Person/Ergebnis zweite Person).

Handlungsweise im Dilemma

Wenn die erste Person die Option C wählt und die zweite Person wählt D, dann ergibt sich ein Ergebnis von 1/4. Dies bedeutet, dass die erste Person das für sie schlechteste Ergebnis erzielt und die zweite Person das für sie beste Ergebnis. Wenn die erste Person D wählt und die zweite wählt C, dann ergibt sich ein Ergebnis von 4/1, also das bestmögliche für die erste Person und das schlechtestmögliche für die zweite Person. Wenn beide D wählen, dann erhalten beide das für sie jeweils zweitschlechteste Ergebnis, also 2/2. Wenn beide C wählen, dann ergibt sich ein Ergebnis von 3/3, also für beide jeweils das zweitbeste Ergebnis.

Jeder der beiden Beteiligten hat also eine eindeutige Rangreihe, in der er die möglichen Ergebnisse bevorzugt. Die erste Person hat die höchste Präferenz für das Ergebnis in der linken unteren Zelle der Tabelle, gefolgt von der linken oberen Zelle. An dritter Stelle in ihrer Rangreihe steht das Ergebnis in der rechten unteren Zelle, während das Ergebnis in der rechten oberen Zelle das für die erste Person schlechtestmögliche ist. Für die zweite Person läuft die Rangreihe entsprechend von der rechten oberen Zelle über die linke obere Zelle und die rechte untere Zelle bis zur linken unteren Zelle. Um sich diese Zusammenhänge klar zu machen, kann es hilfreich sein, Prisoner's Dilemma selbst zu spielen externer Link, zum Beispiel gegen Serendip, einen Computer.

Wenn man sich klar macht, dass das Ergebnis nicht nur von der eigenen Handlungsweise, sondern auch von der Entscheidung der jeweils anderen Person abhängt, dann wird leicht verständlich, dass es fast nicht möglich ist, das beste Ergebnis (4) für sich selber zu erreichen. Denn das kann man nur dann erreichen, wenn man selber D wählt. Und warum sollte die andere Person C wählen, wenn sie weiß, dass ihr Spielpartner D gewählt hat? Umgekehrt würde man selbst sicherlich auch nicht C wählen, wenn der andere bereits D gewählt hat. In vielen realen Dilemmata ist allerdings nicht bekannt, was der andere Beteiligte tun wird. Dafür werden viele reale Dilemmata sehr häufig wiederholt, so dass man seine Entscheidung auch mit Erfahrung begründen kann.

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Das für beide Beteiligte zweitbeste Ergebnis (3/3) ist zu erreichen, wenn beide die Option C wählen. Jeder der beiden wird das natürlich nur dann tun, wenn er sicher ist, dass der andere auch C wählen wird. Wenn dieses Vertrauen aber einmal hergestellt ist, dann ist dieses Ergebnis das bessere, verglichen mit dem Ergebnis (2/2), das erreicht wird, wenn beide D wählen. Dieses Ergebnis entsteht dann, wenn beide dem jeweils anderen nicht trauen und ergibt letzten Endes das schlechtere Ergebnis, verglichen mit dem gegenseitigen Vertrauen.

Soziale Dilemmata und Spieltheorie

Analysen der Frage, was man im Dilemma tun sollte, wie sie eben exemplarisch diskutiert wurden, werden von der Spieltheorie, einer Disziplin der angewandten Mathematik, formalisiert durchgeführt. Die Spieltheorie geht von der Annahme aus, dass alle am Dilemma Beteiligten vollständig rational handeln. Vollständig rational handeln bedeutet nicht nur, dass man selber vernünftig entscheidet, sondern dass man auch davon ausgeht, dass der Andere ebenfalls vernünftig entscheiden wird. Unter diesen Annahmen ergibt sich als Ergebnis eines Prisoner´s Dilemmas immer die beiderseitige Wahl der Alternative D, mit dem suboptimalen Ergebnis (2/2). Dieses Ergebnis wird in der Spieltheorie auch als die Lösung des Dilemmas bezeichnet.

In der Realität kommt es allerdings durchaus vor, dass Menschen sich nicht in diesem Sinne vernünftig oder rational verhalten. Diese Menschen können mit ihrer "Unvernunft" sogar bessere Ergebnisse erzielen als diejenigen, die sich vollständig rational verhalten. Diese Unvernunft lässt die beiderseitige Wahl der Alternative C möglich werden, die dann zu dem besseren Ergebnis (3/3) führt. Dieses Ergebnis wird auch als Wohlfahrtsoptimum bezeichnet. Im sozialen Dilemma kann Unvernunft also manchmal sehr vernünftig sein.

Eine andere Abweichung von der Theorie besteht darin, dass es recht oft vorkommt, dass jemand seinem Gegenüber unterstellt, er würde nicht rational oder vernünftig handeln. Dies kann dazu führen, dass man annimmt, der andere würde C wählen, zum Beispiel weil er das Dilemma nicht versteht. Falsche Erwartungen bezüglich des Ausgangs des Dilemmas können also in einer falschen Einschätzung des Gegenübers begründet sein.

Alle diese Überlegungen sollen an einem fiktiven Beispiel erläutert werden, am Beispiel des Abwasserkanals.

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